Schreiblust

Keine zweite Runde

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Das Schwangerschaftsvirus geht wieder um sich. Es hat bereits zwei meiner besten Mami-Freundinnen infiziert. Sie sind schwanger. Ich freue mich wahnsinnig für sie. Und ob draußen im Park und oder im Spielkreis – neuerdings treffe ich auf lauter Mamis von Zweijährigen, deren Bauch sich liebevoll nach vorne wölbt. Ich liebe ihre Silhouette und könnte den ganzen Tag auf ihren Bauch starren.

Doch allein bei dem Gedanken wieder schwanger zu sein – bemerke ich, wie sich ein dicker Kloß um meinen Hals schnürt und mir die Luft zum Atmen wegnimmt. So sehr ich mir beim ersten Mal ein Kind gewünscht habe, so sehr sagt mir diesmal mein Bauchgefühl: Nein. Und ein klein wenig schlechtes Gewissen nagt an dieser Entscheidung doch. Wird man doch immer ein wenig schräg angegangen, wenn man als Ein-Kind-Mama auf die obligatorische Frage „Und wann kommt bei Euch das Zweite?“ ein „Ich möchte kein zweites Kind“ antwortet. Und warum eigentlich das schlechte Gewissen? Weil man spürt, dass anderen das eigene Kind, was ohne Geschwister aufwachsen soll, so unheimlich leid tut und man selbst ein noch größeres Mitleid-Gefühl entwickelt. Tue ich meinem Kind nichts Schlimmes an, wenn es geschwisterlos bleibt?

Am Wort „Einzelkind“ haften immer noch viele böse Vorurteile. Sie seien egoistisch und eigenbrötlerisch, herrschsüchtig, noch glänzten sie im weiteren Umgang mit anderen. Einmal Einzelkind immer Einzelgänger? Unsinn! Experten sind sich einig: Einzelkinder sind besser als ihr Ruf. „Sie sind oft nachgiebiger und häufig konfliktscheu“,weil sie das Raufen unter den Geschwistern nicht kennen. Außerdem seien sie meist „extrovertiert und lernten schnell auf andere zuzugehen und zu teilen“, weil sie sonst alleine im Sandkasten sitzen, betont die Schweizer Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger in ihrem Buch „Lob des Einzelkindes“.

Der gesellschaftliche Zwang nach einem Zweiten ist groß. Und in den Medien gehören zu einer perfekten Familie immer zwei Kinder (am besten ein Mädchen und ein Junge). Auch wenn die Realität in Deutschland anders aussieht. Jedes vierte Kind ist in unserem Land ein Einzelkind. Das klassische Bild aus Mutter-Vater-Kind ist ein Auslaufmodell. Neue Familienformen wie die Patchworkfamilie sind längst in unserer Gesellschaft angekommen.

Ich bewundere jede Frau, die sich für ein zweites Kind entscheidet: Dafür, die Strapazen einer Schwangerschaft erneut billigend auf sich zu nehmen. Für den Mut und den Willen die unheimlichen Schmerzen bei der Geburt ein zweites Mal auszuhalten, für die endlos schlaflosen Nächte, das Stillen – alles was so unendlich viel Kraft abverlangt. Kraft, die ich nicht mehr in mir spüre. Habe ich schon erwähnt, dass Sohni immer noch jede Nacht aufwacht. Und bei dem Wort Abstillen sich bei meinem Mann und mir schon die Nackenhaare kräuseln. Mein Kind hängt hartnäckiger als jedes andere an seiner/meiner Brust, dass wir uns schon die schrägsten Dinge haben uns einfallen lassen müssen, um ihn davon weg zu bekommen. Irgendwann werde ich wohl den Kampf gewinnen, aber auch nur, weil ich ihm zur Zeit körperlich überlegen bin. Dann werde ich wahrscheinlich die unglücklichste, nicht stillende Mutter sein.

Ohnehin ist Sohni so präsent in meinem Leben, dass ich nicht sagen kann, ob noch Platz wäre für ein weiteres Baby. Da ist diese alles überragende Mutter-Liebe zu seinem Kind. Und die Angst vor einem Zweiten. Angst, ob man das zweite Kind überhaupt genau so lieben kann wie das Erste. Angst davor, dass die Liebe zum Ersten durch ein Zweites kleiner werden würde. Und ein schlechtes Gewissen Sohni gegenüber. Dass ich dann nicht mehr so uneingeschränkt für ihn da sein kann. Angst ob man beiden überhaupt gerecht werden kann. Ob man nicht vielleicht beide miteinander vergleicht und der eine dann schlechter wegkommt oder noch schlimmer sein „Lieblingskind“ hat. Kurz gesagt: Angst als Mutter komplett zu versagen. Wenn ich diese Gedanken habe, tut mir das unheimlich weh und mir kommen beinahe die Tränen. Doch dann kommt meist Sohni um die Ecke geflitzt und holt mich ab in seine Welt. Die schlechten Gedanken verfliegen und mein Herz sagt: Es ist gut so wie es ist. Mein Glück ist mit Sohni komplett.

Alter: 33 Jahre - Geschlecht: weiblich - Beruf: derzeit Mama, Redakteurin - kommt aus: Hessen - verheiratet: ja - Kinder: 1 Sohn

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